An einem der schönsten Strände Rügens, entlang der Prorer Wiek, befindet sich ein gigantisches Relikt aus der Zeit des Nationalsozialismus. 1938 wurde die Freizeitorganisation des nationalsozialistischen Regimes Kraft durch Freude (KdF) gegründet. Die Kontrolle der Menschen am Arbeitsplatz schien der NS-Führung, unter Adolf Hitler, nicht auszureichen, fortan sollten sie auch ihre Freizeit in kontrollierten Gruppen verbringen. Durch Neuerungen, wie bezahlter Urlaub und billige Ferienreisen sollte das arbeitende Volk für das NS-Regime gewonnen werden und für eine längere Lebensarbeitszeit und geplante Eroberungskriege fit gemacht werden. Die Hauptaktivität von Kraft durch Freude waren organisierte Ferienreisen ins In- und Ausland, die für den Normalbürger erschwinglich waren. So wurden extra Sonderzüge in deutsche Feriengebiete eingesetzt und Seereisen organisiert. In den Jahren 1934 bis 1939 buchten 7 Millionen Menschen die Reisen. Und somit wurde KdF zum damals größten Reiseveranstalter Deutschlands. 1935 gab man bekannt, fünf Seebäder von beispielloser Größe an den Küsten Deutschlands entstehen zu lassen. Das erste und einzige entstand auf der Insel Rügen, in der Mitte der weiten Ostseebucht zwischen Binz und Sassnitz. Die Planung mit klaren Zweckvorgaben stand unter der Führung von dem KdF-Chef und Hitlers Vertrauten Dr. Robert Ley. Ziel der Nationalsozialisten war es, für 20.000 Volksgenossen Unterbringungsmöglichkeiten für einen organisierten 10 Tage Pauschalurlaub mit Betreuung und unter Kontrolle zu schaffen. Hitler selbst hatte die Idee dieses Seebad als das Gewaltigste und Größte von allem bisher da gewesenen zu erschaffen. Außerdem sollte alles so eingerichtet sein, dass man das Ganze im Falle eines Krieges auch als Lazarett benutzen könnte. Geplant wurde dieses Bauvorhaben von dem Kölner Architekten Clemens Klotz, der bereits die NS-Ordensburgen in der Eifel und in Westpreußen gebaut hatte. Seine Planungen wurden modifiziert durch die persönliche Auflage Hitlers, eine Festhalle für 20.000 Personen nach dem monumentalen Entwurf des Architekten Erich Putlitz zu integrieren. Der Gesamtentwurf, 1937 auf der Weltausstellung in Paris prämiert, sah einen Gebäudekomplex von 6km Länge vor, angepasst an den leichten Bogen des Strandverlaufs. Die Urlauber sollten in acht baugleichen, je einen halben Kilometer langen Bettenhäusern Quartier beziehen. Im Zentrum der Anlage waren unter anderem ein Wellenbad und eine Kaianlage mit zwei Seebrücken für das Anlegen von Hochseeschiffen geplant. Die 2.000 Angestellten sollten in kleineren Bauten auf dem Gelände untergebracht und das gesamte Projekt sollte mit der Infrastruktur einer kompletten Stadt, Kraftwerk, Wasserwerk, Krankenhaus, Schule, Parkhäuser ausgestattet werden. Alle 10.000 einheitlich ausgestatteten Zimmer mit Meerblick sind jedoch mit nur 12m2 als Zweibettzimmer zu beengt für einen längeren angenehmen Aufenthalt. Für heutige Urlaubsansprüche wäre dies ein bescheidener Standard und war schon damals ein deutlich gewollter Kontrast zum Luxus der traditionellen Seebäder. Die Anlage wurde in ihrer gesamten Länge durch neun Großfirmen im Wettbewerb gleichzeitig hochgezogen. Die Beschaffung der gewaltigen Materialmengen erfolgte per Schiff und, als Innovation für diese Region auf Straßen und Schienen, durch die Fertigstellung des Rügendamms und die Eröffnung einer Bahnstrecke. Nach nur 17 Monaten fand im Oktober 1938 das Richtfest des ersten der acht Bettenhäuser statt. Mit Kriegsbeginn 1939 wurden die Arbeiten auf der riesigen Großbaustelle eingestellt da alle Arbeiter für den Kriegsdienst abgezogen wurden. Gegen Ende des Krieges diente es zunächst als Notunterkunft für Ausgebombte und Flüchtlinge. Nach 1945 wurden Teile der rohbaufertigen Gebäude als Reparationsleistungen demontiert und Abschnitte des Nordflügels von der sowjetischen Besatzungsmacht gesprengt. Außerdem diente der Rohbau als gigantischer Pool zur Baumaterialgewinnung für Wohnungsbauten und heute stehen von den acht Bettenhäusern noch fünf. In den 50er Jahren übernahm die NVA der DDR das riesige Areal und baute es zu dem größten Militärstandort im Norden aus. Hier waren bis zur Auflösung 1990 etwa 10.000 Soldaten und Offiziere ständig kaserniert. Einige Teile des Südabschnittes dienten als Erholungsheim für privilegierte Offiziere. 1990 wurde das Gelände zur Umschulung der NVA-Soldaten von der Bundeswehr übernommen, die jedoch 1992 Prora komplett aufgab. Die meisten Gebäudeteile standen leer und blieben dem Vandalismus überlassen bis sich gegenwärtig 35 Museen und Ausstellungen auf 5.000m2 in den Gebäuden niederließen. Prora ist neben dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg die größte geschlossene architektonische Hinterlassenschaft der NS-Zeit und gegenwärtig im In- und Ausland als Denkmal der Bau- und Sozialgeschichte des Dritten Reiches und als baugeschichtlich interessantes Beispiel für den Gebrauch der Architektur der Moderne bekannt und wird jährlich von Hunderttausenden besucht, die auch der feinsandige unberührte Strand begeistert. Jedoch ist der weitere Verlauf der Geschichte des befremdlich wie faszinierend wirkenden Koloss von Rügen ungewiss. |